No worries - mein australisches Tagebuch

No worries - mein australisches Tagebuch

Wann habe ich das erste Mal von Australien gehört? Vermutlich war es in meiner Kindheit anlässlich der Olympischen Spiele 1956 in Melbourne. Der Kontinent scheint diese Art von Promotion dringend zu brauchen, um vom Rest der Welt nicht gänzlich übersehen zu werden. Mein Bruder Pit, der in Australien für den Fernsehsender VOX eine Reihe von Naturfilmen gedreht hat, nannte mir vor ein paar Jahren viele weniger sportliche aber um so verlockendere Gründe, mich für das Land am anderen Ende der Welt zu interessieren. Den Ausschlag aber gab schließlich Gudrun Lundie, die mit ihrem Mann Sven und Töchterchen Annik seit 1998 in Sydney lebt. Ihr Hamburger Chor "Mixed Voices" hat bereits mehrfach mit mir auf der Bühne gestanden; ich kenne die Sängerinnen und Sänger seit ihrer Kindheit, wo sie öfters im Lokstedter Schülerchor unter der Leitung von Gudruns Vater Hans Struck in Hamburg mit mir gesungen haben. Kurz vor Weihnachten 1998 fiel der Entschluß, eine Australien-tournee zu machen. Es folgten viele organisatorische Vorbereitungen, die vor allem Gudrun vorantrieb, die Suche nach Veranstaltungspartnern vor Ort und Geldgebern in Deutschland. Schließlich kam die gute Nachricht aus Sydney, dass der Deutsche Musikrat die Reise des Chors (nicht meine) finanziell unterstützt. Von da an hieß es proben, viele technische Reisedetails organisieren, die Gruppe zusammenhalten und sich von vielen anderen Terminen, die meinen Kalender (vor allem wegen des neuen Albums "Kinder werden groß") ungewöhnlich prall füllten, nicht irremachen zu lassen: Australien wir kommen!

Tag 1: 8. November
Es ist tatsächlich so weit. Alle Reisen, Interviews, Fernseh- und Rundfunkauftritte, Konzerte, Besprechungen, Verhandlungen sind geschafft. Ich fühle mich fitter als befürchtet und los geht's mit dem dazugehörigen Herzklopfen. Tschüs Moni! Mein Lied "Ganz nah" gilt hoffentlich auch so weit weg, da unten auf der Erdkugel! Aber: "Die Welt ist so klein, wir sehn uns wieder..." Ruhiger Flug nach Frankfurt, erstaunlicherweise kein Übergepäck zu berappen trotz schwerer CD- und Notenfracht. Frankfurter Flughafen Terminal B: Das internationale Völkchen verstärkt mein Reisefieber. Wolf Biermanns Artikel in der Welt zum Thema deutsche Leitkultur beeindruckt mich tief, vor allem durch seine schier unglaubliche Sprachkraft, aber auch durch eine intellektuelle, erbarmungslos entlarvende Schärfe, wie immer bei Biermann mit viel Herzblut, das ich in der intellektuellen Szene sonst so oft vermisse. Das hat die CDU mit ihrer Kampagne wenigstens geschafft: Wer sind wir Deutschen? Woher kommen wir? Wo wollen wir hin? Wer wollen wir sein? Wer sollte sich uns in welchem Maße anpassen? Warum? Wer darf dafür die Maßstäbe setzen? Es wird darüber heftig diskutiert und man höre und staune: Wolf Biermann ist bei dieser Gelegenheit immerhin "Chefkulturkorrespondent" der Welt geworden. Hätte er sich das selber vor ein paar Jahren vorstellen können? Erstaunen: Nicht die Lufthansa fliegt mich nach Australien sondern, im Rahmen der Star-Allianz, die hochgelobte "Singapur-Airlines", freundlichste und sicherste Fluggesellschaft der Erde (wäre da bloß nicht leider gerade ein Jumbo in Thailand beim irrtümlichen Start auf einer in Reparatur befindlichen Landebahn verunglückt...). Eine bezaubernde Atmosphäre südostasiatischer Gelassenheit und Gastfreundlichkeit empfängt uns an Bord und hält ohne Einschränkung durch bis nach Australien - einschließlich der Launch im Flughafen von Singapur ("To keep the atmosphere of this launch, we ask our guest to talk decently on the phone"). Ein Morgen in Singapur: Leider nur im Terminal - ein Riesengebäude mit allem, was der Weltreisende zum Zwischenaufenthalt braucht. Etwas steril, aber nicht ungemütlich. Ich habe im Flugzeug noch kein Auge zugemacht, es gibt so viel zu lesen, anzuschauen und für Australien vorzubereiten. Um mich herum war alles im Tiefschlaf oder am Videoschirm. Die Zeit verging für mich im wahrsten Sinne wie im Fluge.